letzte Änderung: 2009-05-03 16:30:10

2. Befangenheit

"audiatur et altera pars" (lateinisch für: "man höre auch die andere Seite") ist die Aufforderung, in der Debatte die eigene Befangenheit abzulegen und sich um Objektivität zu bemühen. Allerdings widerspricht das der menschlichen Natur.

Die kognitive Psychologie hat festgestellt, dass die Wahrnehmung der Realität durch den Glauben des Menschen gefiltert7 wird. D.h. ein Mensch nimmt Tatsachen, die seinem Glauben entsprechen verstärkt, und die seinem Glauben widersprechen gar nicht wahr. Da also die Realität, die er wahrnimmt, stets seinen Glauben bestätigt, empfindet er sich selbst mit seinen Überzeugungen immer im Recht. Das nennt man Befangenheit. Daraus folgt:

7 siehe dazu "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" von Paul Watzlawick

  • Glaube ist nicht eine Angelegenheit der Religion, sondern jeder Mensch hat einen Glauben.
  • Die Realität eines Menschen entspricht immer seinem Glauben.
  • Es gibt so viele Realitäten, wie es Menschen gibt.
  • Realität ist nicht gleich Wahrheit

Grundsätzlich sind alle Menschen befangen. Deswegen ist jeder aufgefordert, sich um Objektivität zu bemühen.

Deswegen ist es hilfreich, wenn man sich in einer Debatte gegenseitig darauf aufmerksam macht, wenn jemand befangen argumentiert.

Immunisierung

Der Mensch sträubt sich allerdings naturgemäß gegen Veränderung, auch gegen die Veränderung seines Glaubens. Besonders bei Glaubenssystemen wie Religionen und Ideologien - aber nicht nur da - gibt es das Phänomen der Immunisierung des Glaubens. Damit wird der eigene Glaube gegen kritische Einwände geschützt. Dem liegt immer eine Verlustangst zugrunde, zum Beispiel:

  • die Angst vor Veränderung an sich
  • die Angst, intellektuelle und idelle Errungenschaften zu verlieren
  • die Angst, die Anerkennung der Bezugsgruppe (Freunde, Familie, Partei, Religionsgemeinschaft) zu verlieren
  • die Angst, die ewige Seligkeit zu verlieren (bei Religionen)
  • die Angst, lieb gewordene Güter und Gewohnheiten aufgeben zu müssen

Folgende Argumentationsweisen sind typische Strategien der Immunisierung:

Darüber hinaus kann die Argumentationsweise "ad consequentiam" gelegentlich Verlustängste aufdecken.

Befangene Argumentationsweisen

Folgende Argumentationsweisen sind typisch bei Befangenheit:

Darüber hinaus verfällt der Befangene besonders leicht dem "petitio principii" (Zirkelschluss).